📖 Leseprobe: Die Stille danach
Stille senkt sich über den Dorfplatz, schwerer und dicker als der Staub, der langsam wieder zu Boden sinkt. Romi steht unbeweglich inmitten der Gefallenen. Ihre Klingen sind sauber, das Blut ist durch die Geschwindigkeit der Schnitte und die Reinheit des Stahls einfach vom Metall abgeperlt. Sie atmet ruhig, ihr Puls ist stabil, doch in ihrem Inneren tobt ein Sturm, der jedes Training der Welt weitaus übersteigt.
Sie starrt auf die reglosen Körper im Dreck. Das ist die nackte Realität. Das waren lebendige Gegner. Sie spürt ein kaltes, hohles Gefühl in der Magengrube, das sich wie giftiges Wasser in ihr ausbreitet.
„Ich habe sie ausgelöscht“, denkt sie, und das Gewicht dieser Erkenntnis presst ihr fast die Luft ab.Die Welt um sie herum wirkt plötzlich seltsam fern und unwirklich. Das „Lied des Stahls“, das sie eben noch gehört hat, ist verstummt und hinterlässt eine ohrenbetäubende Leere. Mit einer mechanischen, fast schlafwandlerischen Bewegung führt sie ihre Hände über die Schultern und schiebt die Katanas zurück in die Scheiden auf ihrem Rücken. Das doppelte Klick beim Einrasten der Klingen hallt in ihrem Kopf wider wie ein Urteil.
Jeff reitet langsam auf sie zu. Er zügelt seinen Rappen direkt vor ihr und sieht sie lange an. Er erkennt das leichte Zittern in ihren Fingerspitzen, das sie so mühsam zu unterdrücken versucht, und den fahlen Glanz in ihren Augen.
„Du hast ihnen die Wahl gelassen, Romi“, sagt er leise, und seine Stimme klingt voller Milde. „Vergiss das stets. Dieses Blut lastet allein auf ihrem eigenen Eigensinn.“
Romi sieht zu ihm auf. Ihre Augen wirken riesig in ihrem blassen Gesicht, die Zöpfe hängen leblos an ihren Schultern.
„Es ist so viel schwerer als das Training, Jeff. Die reine Muskelkraft ist nebensächlich, die Stille danach wiegt tonnenschwer. In mir ist plötzlich alles so… leer.“
Jeff nickt verstehend.
„Das ist das Gewicht der Gerechtigkeit. Es ist die Bürde derer, die den Stahl führen müssen, um Leben zu schützen. Diese Leere erinnert dich daran, dass du deine Menschlichkeit tief in dir bewahrst. Nur wer fühlt, bleibt ein Krieger. Wer innerlich vollkommen abstirbt, wird zum Schlächter.“
Um Romi herum bricht das Schweigen des Dorfes, doch es ist ein völlig neuartiger Klang. Es ist ein tiefes, ehrfürchtiges Raunen, das aus den Schatten der Hütten kriecht. Die Bewohner wagen sich näher, bleiben aber in respektvoller Distanz, als stünde sie in einem unsichtbaren Kreis aus Macht.
