📖 Leseprobe: Die Verhandlung
Als sie den Handelsposten erreichen, empfängt sie eine friedliche Atmosphäre aus Kiefernholzduft und dem Mahlen von Pferdekauen. Doch der Frieden wird durch gellende Stimmen gestört. Jeff und Romi halten ihre Pferde in respektvollem Abstand an.
Ein hagerer Bauer und seine Frau stehen verzweifelt vor einem untersetzten Händler namens Gero. Zwischen den Erwachsenen klammern sich zwei Kinder an den Rock ihrer Mutter. Ihre Augen sind tränennass und gerötet, während sie sehnsüchtig auf einen schweren Sack Mehl blicken, den der Händler bereits wieder in den Schatten hinter sich gezogen hat.
„Ein ungleichgewichtiger Kampf“, denkt sie, während sie die Szene beobachtet. „Gier trifft auf Not. Ein klassisches Schlachtfeld des Geistes.“ „Das ist Wucher, Master Gero!“, ruft der Bauer. „Wir haben drei Silbermünzen abgemacht!“Jeff wirft Romi einen kurzen, bedeutungsvollen Blick zu. Es ist eine stumme Aufforderung. Romi gleitet geschmeidig aus dem Sattel. Während sie auf den Stand zutritt, beginnt sie, ihre Atmung zu verlangsamen, genau wie Jeff es gelehrt hat. Werde zum Spiegel, ruft sie sich ins Gedächtnis. Lass sein Ego gegen deine Stille laufen.
„Es scheint, als gäbe es hier ein tiefes Missverständnis bezüglich eurer Abmachung“, beginnt Romi. Ihre Stimme klingt ruhig und sanft. Der Händler funkelt sie an. „Wer seid Ihr? Diese Leute sind für meine Ware schlicht zu arm.“ Romi spürt den Impuls, ihn für seine Kaltherzigkeit zu maßregeln, doch sie unterdrückt ihn sofort. Vollkommene Neutralität. Nur Daten sammeln. Sie nutzt das Spiegeln: „Die Ware übersteigt ihre Mittel?“ „Genau!“, poltert Gero los. „Ich habe Unkosten! Ich muss mein Mehl gewinnbringend verkaufen, selbst wenn eine Familie Hunger leidet!“ Romi nickt langsam und nutzt die Wesensschau: „Es wirkt, als hättet Ihr große Sorge, dass Eure eigenen Unkosten Euer Geschäft ruinieren könnten, wenn Ihr Euch an die alten Preise haltet.“ Der Händler stutzt. Die Aggression in seinen Augen weicht einer Verwirrung. Er fühlt sich zum ersten Mal verstanden, was seine Abwehr lockert. „Natürlich habe ich Sorge! Jeder Tag auf dieser Straße ist ein Risiko.“
Romi macht die tödliche Pause. Sie schweigt. Lass die Stille die Arbeit tun, denkt sie. Der Händler wird unruhig, er weicht ihrem Blick aus. „Hört zu…“, druckst er schließlich herum. „Vielleicht war der Aufschlag ein wenig voreilig.“ Romi setzt zum Ziehen der Giftzähne an: „Ihr denkt jetzt sicher, dass ich eine Fremde bin, die völlig verständnislos gegenüber der harten Arbeit eines Händlers agiert und die Euch bloß um Euren Gewinn bringen will.“ Der Händler blinzelt überrascht. Er ist entwaffnet, stellt Romi fest. Sein hässlichster Gedanke wird ausgesprochen, nun ist dieser Schild für ihn unbrauchbar geworden. „Wie“, stellt Romi die entscheidende offene Frage, „sollen diese Menschen den Winter überstehen, wenn der Handel, auf den sie sich verlassen haben, plötzlich seine Regeln ändert?“ Gero blickt zu den Kindern hinunter. Sein Ego verliert jeglichen Halt. „Ich bin ja ein Mann mit Gewissen“, murmelt er und schiebt den Sack vor. „Vier Silbermünzen. Das Mehl ist dabei.“ Der Bauer zählt hastig die Münzen ab. „Vielen Dank, werte Dame.“ Romi neigt nur leicht den Kopf. „Ein Sieg mit ruhender Klinge“, reflektiert sie. „Es ist eine seltsame Art von Macht.“
